Ein kunsttherapeutisches Projekt in Südafrika
von Hannah Over
Abstract
In meinem Artikel berichte ich von zwei 4 wöchigen Aufenthalten im südlichen Afrika, in denen ich mit Kindern aus dem HIV/ Aids Umfeld kunsttherapeutisch arbeitete. Die Erfahrungen zeigten, wie gut das Ausdrucksmalen sich für die Arbeit mit traumatisierten Kindern eignete, auch wenn die sprachliche Verständigung gerade bei sehr kleinen Kindern nicht immer optimal war. Der Bildverlauf eines 4 ½ jährigen Mädchens aus Johannesburg lässt ahnen, dass dieses Mädchen Entwicklungsschritte gehen konnte, die einen Weg zur Traumaverarbeitung bedeuten. Außerdem versuche ich einiges an Hintergrund Informationen zu geben, die verständlich machen, warum Afrikanische Kinder in der Regel so gute Ressourcen mitbringen. Im weiteren zeige ich Gründe für das schnelle Voranschreiten der HIV/ Aids Epidemie in Südafrika.
Im Oktober 2006 und im März 2007 konnte ich jeweils für etwa 4 Wochen in Südafrika mit Kindern zwischen 3 ½ und 16 Jahren kunsttherapeutisch arbeiten. Schon länger hatte ich mir gewünscht, etwas von dem, was ich gut kann mit Menschen zu teilen, die auf Grund ihrer derzeitigen Situation benachteiligt sind und die unter Umständen die Ausdrucks- und Wandlungsmöglichkeiten von Kunsttherapie brauchen könnten. Mit dem Ausdrucksmalen hoffte ich, die dieser Methode innewohnenden, intensiven, selbstregulierenden Kräfte in einen anderen Kulturraum übertragen zu können. Ich wünschte mir, es ließe sich wenigstens für einige Kinder damit Freude Stolz und Eigenwirksamkeit anregen, die sich nicht allein aufs Überleben bezieht. Vertrauend auf die vielfach erprobten Wirkungen dieser Methode, war ich mir aber auch des Wagnisses sehr bewusst und begab mich voller Aufregung in den neuen Raum. Wesentliches lernen konnte ich erst im Land selbst.
Warum Südafrika? Berichte darüber, wie die Aidswelle tsunamigleich über den südlichen Kontinent rollt, berührten mich sehr und lenkten meine Aufmerksamkeit auf Südafrika. In manchen Gegenden sind bereits 40 Prozent der Schulkinder Waisen und leben in Kinderhaushalten, weil es keine Institutionen mehr gibt, die diesen Kindern ein Zuhause geben könnten.
Den größten Teil der Zeit meines ersten Aufenthaltes arbeitete ich im Khanyisile Zentrum im Township Katlehong, einem schwarzen Stadtteil im Süden von Johannisburg. Immer wieder malte ich auch mit den Kindern im Epworth childrens home im Stadtteil Lambton/ Germiston. in einem Heim für traumatisierte Kinder.
Auf dem Gelände dieses Heims hatte ich ein kleines Appartement gemietet. Einige Zeit während meines zweiten Aufenthaltes verbrachte ich 30km südlich von Soweto in einem Gebiet mit verlassenen Farmen und leergeschöpften Goldminen, aus denen jetzt noch das dort vorhandene Uran gefördert wird.
Das hier angesiedelte Philani Zentrum betreut HIV/ Aids Kranke ebenso in den neuen von der Regierung gebauten Siedlungen, wie in den zahlreichen Elendssiedlungen, den informel settlements. Man organisiert handwerkliche Arbeitsstätten und sorgt für etwa 1000 in Kinderhaushalten lebende Kinder. Während meines Aufenthaltes im Philani Zentrum malte ich überwiegend mit Kindern zwischen 4 und 6 Jahren und dann mit einer Gruppe von 12 schwarzen SozialarbeiterInnen, die den Wunsch hatten etwas von den Wirkungen des Malens zu erfahren.
Es ergab sich außerdem, dass ich gebeten wurde, mit meinen Farben in ein größeres Zentrum, das Thembaletu Zentrum zur Betreuung von 5000Aidskranken und 4000Waisen in den Norden Südafrikas mitzufahren. Und so reiste ich in eine wunderschöne ländliche Gegend in der Nähe des Krüger National Parks. Die Aufzählung der Vielfalt von Orten und Zentren mag für den Leser etwas verwirrend sein, ich erwähne es hier, weil ich dadurch deutlich machen möchte, wie ich eine Menge unterschiedlichster Erfahrungen sammeln und damit einerseits ein größeres Ganzes und Gemeinsames in relativ kurzen Zeiträumen erspüren konnte, andererseits die Unterschiedlichkeit z. B. im Malverhalten der Kinder erfahren konnte. An all den Orten wurde ich sehr freundlich aufgenommen und umfangreich informiert.
Im Khanysile Zentrum in Katlehong werden Kinder von 1 bis 15 Jahren tagsüber betreut, med. versorgt, genährt. Sie wohnen weiterhin in gewohnter Umgebung zusammen mit den Menschen ihrer Familien die übrig geblieben sind , mit Großeltern, Tanten, älteren Geschwistern. 10% der Kinder im Zentrum sind ebenfalls HIV infiziert. In einem Township mit etwa 150 000 Einwohnern ist ein solches Zentrum für etwas über 100 Kinder wie ein Salzkorn in der Wüste, und doch ist es ein Symbol der Hoffnung für die Menschen. Im Township Katlehong sind 60% der Menschen HIV infiziert. Der Kontakt zum Khanyisile Zentrum entstand über die Organisation Unsung Heroes in Johannesburg, an die ich über private Kontakte in Hannover und einige vermittelnde Personen in Johannesburg weitergereicht und gründlich geprüft wurde. Die Vorbereitungen dauerten etwa 5 Monate.
Bevor ich mich dem Bericht über meine kunsttherapeutische Tätigkeit zuwende, möchte ich zum einen mit einigen Beobachtungen beginnen, die verständlich machen, warum afrikanische Kinder oft gute Ressourcen haben, auch wenn sie vom Verlust der Eltern sehr traumatisiert sind. Zum anderen möchte ich einige Gründe für das schnelle Umsichgreifen der HIV/ Aids Epidemie aufzeigen.
Körperlichkeit, sich anfassen und berühren, es eng und nah haben ist das, was Kinder und Erwachsene in Afrika in besonderem Maße mögen. Ich habe stets ein wenig darüber gestaunt, wie viele Kinder auf kleinstem Raum friedlich zusammenhängen mögen, mit nur geringer Neigung zum Rangeln und Schubsen. Die Kinder scheinen viel Kraft daraus zu ziehen, sich gegenseitig zu berühren und zu umarmen. Diese Prägungen sind sicher auch von entscheidender Bedeutung für die spätere Sexualentwicklung. Der eigene Körper wird äußerst positiv besetzt. Egal, wie er geformt ist, ist er eine Quelle des Stolzes und der Anerkennung.
Afrikanische Kinder werden von ihren Müttern auf dem Rücken getragen, oft fest in das traditionelle Tuch eingebunden, bis sie etwa 2 ½ Jahre alt sind. Afrikanische Mütter haben starke Rücken, sagt man. Die Menschen sind daran gewöhnt lange Wege zu Fuß zu laufen. In den weitläufigen Townships wie auch auf dem Land fehlt eine ausreichende Verkehrsinfrastruktur. Afrikanische Menschen wohnen traditionell nicht über den Köpfen von anderen Menschen, daher hat jede Familie ein eigenes Häuschen, was die Townships sich weit ausdehnen lässt. Kinder unter einem Jahr werden ständig getragen der Gefahren wegen, die auf dem Boden warten. Sie werden geschaukelt, gewiegt, rhythmisiert, berührt. Ihr kinästetisches System wird unentwegt angeregt. Dabei sehen sie hauptsächlich auf den Rücken ihrer Mütter.
Der Blick auf die Welt ist für das Kind begrenzt auf das, was es aus dem Tuch heraus zur Seite sehen kann, während es getragen wird. Es muss sich dabei recht anstrengen, der Blick nach vorn aber bleibt versperrt.
Die Hände haben beim Getragenwerden einen Großteil des Tages nicht viel zu greifen und zu spielen, außer an Mamas Rücken zu zupfen, sich festhalten, umarmen. Lange sind die Hände aus Sicherheitsgründen fest in das Tuch mit eingewickelt. Die Kinder lernen in der frühen Zeit mehr, wie sie jemanden anfassen, als wie sie etwas anfassen oder handhaben. In der vertrauensvollen, sicheren Nähe zur Mutter entwickelt sich ein großes Maß an Urvertrauen, Körpersicherheit und Geborgenheitsgefühl. Die Verwahrung der Kinder hinter dem Rücken der Mütter ist eine Betreuung, die die Kinder emotional stabilisiert.
Die Kinder werden aber wohl weniger individuell gespiegelt, als es bei uns der Fall ist. Die Identität des Einzelnen ist in Südafrika nicht so sehr eine individualistische, sondern vielmehr eine Identität, die untrennbar mit den anderen Familienmitgliedern oder mit der Gemeinde, in der man lebt, verbunden ist. Wer ich bin formt sich durch meine Familie. Die Familie zu verlieren durch Aids ist auch deshalb eine Tragödie, weil man neben den geliebten Menschen einen Teil eigener Identität verliert und damit im Selbstgefühl verarmt.
Es ist lebensnotwendig Schwestern und Brüder zu haben, besonders, wenn man arm ist. Es können auch nicht blutsverwandte sich als Brüder verbinden und dann alles miteinander teilen. Die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen ordnen sich denen der Gruppe unter.
Als Jüngerer folgt man dem Älteren, so wie man es hinter Mamas Rücken geübt hat. Wenn die Älteren aussterben, bleiben die Jüngeren ohne Führung zurück.
Einiges zum Verständnis der Vulnerabilität durch HIV/ AIDS
Wovon lebt man in den Townships? Nur wenige Menschen haben Arbeit, oft nur einer pro Großfamilie, von dessen Verdienst leben dann alle Familienmitglieder. In Katlehong sind über 80% der Berufstätigen arbeitslos. Wer arbeitslos ist bekommt kein Geld, einzig für Kinder gibt es etwa 20€ im Monat pro Kind. Das führt dazu, dass gerade in armen Familien viele Kinder geboren werden, auch wenn die Mütter bereits HIV/ Aids krank sind.
Der Faktor Stress : Nach dem Ende der Apartheid vor 13 Jahren, die das Land 300 Jahre lang geprägt hat, wirkten viele Menschen wie verstört. Jahrhunderte alte Gewohnheiten hatten sich auf den Kopf gestellt. Das große Leid, das mit erzwungener Migration, elenden Arbeits- und Familienverhältnissen, Demütigungen und gewaltsamem Tod im Zusammenhang steht ist jetzt in diesem traumatisierten Land immer noch gefühlte Gegenwart und spiegelt sich in der z. T. großen Armut der schwarzen Bevölkerung.
Ernährung: Auf Grund der schwachen sozialen Situation sind die Menschen mangelernährt, das heißt, es gibt viel Füllstoff, zuwenig Eiweiß, kein Gemüse, keine Mineralien und Vitamine. Dadurch bricht die Aids Krankheit früher aus und nimmt einen schnelleren Verlauf, als zum Beispiel in Europa.
Körperlichkeit ist wie oben beschrieben einerseits eine große Ressource. Sexualität war schon immer von immenser Bedeutung für schwarze Menschen, Treue ist dabei nicht so wichtig, Liebe und Sexualität sind recht getrennt von einander. Man lässt sich einfach schnell hinreißen. Die Sexualität war in den Zeiten der Apartheid eines der wenigen Gebiete, wo die Menschen Freiheit und Autonomie erleben konnten oder Abfuhr für gestaute Energien hatten. Die Männer wollen heute trotz Aids größtenteils keine Kondome verwenden, die Frauen passen sich an. Mit der großen Zahl häufig wechselnder, infizierter Sexualpartner steigt die Anzahl resistenter Virenstämme im Blut infizierter Menschen.
Der Verlauf der Aids Krankheit nach dem Ausbruch ist in der Regel auf Grund all dieser Faktoren rasant. Die Menschen sterben nach 1 -2 Jahren an den zahlreichen nicht beherrschbaren Folgeerkrankungen. Sie liegen überwiegend zu Haus, in einem der wenigen Krankenhäuser sind sie nur gelegentlich, um Infusionen zu erhalten. Die Aids Krankheit wird slim deseace genannt, es gehören nicht endende Durchfälle mit enormen Schwächegefühlen dazu. Die Kinder haben über eine lange Zeit sehr schwache, elend liegende Eltern. Die älteren Kinder versorgen ihre kranken Eltern, Schulbesuch macht das unmöglich. Wenn die Eltern sterben bleiben die Kinder traumatisiert zurück, weil das, was sie dabei erlebten, ihre kindlichen Verarbeitungsmöglichkeiten übersteigt.
Freie Medikamente gibt es bei einem T - Zellenwert von 200, das entspricht den westlichen Standards, ist jedoch bei einer schlechten Abwehr- und Ernährungslage und einer hohen Zahl resistenter Virenstämme zu spät für die Menschen in Südafrika. Würden sie die Medikamente bei einem Wert von 300 T -Zellen erhalten, könnten sie 5 - 8 Jahre überleben und für ihre Kinder sorgen. Wenn die Mütter sterben, ist die Situation der Kinder ungleich schwerer. Die Männer bleiben hilflos zurück. Die Kinder sind oft sehr früh sich selbst überlassen.
Die HIV/ Aids Epidemie wird in ihren Auswirkungen verleugnet, auch von der schwarzen Regierung Mbekis.
Vor diesem Szenarium ist das Khanysile Zentrum für 100 Kinder ein behütender Ort, an dem sie mit viel Liebe, Achtsamkeit und Umsicht versorgt werden. Das Zentrum besitzt ein Vertrauen ausstrahlendes Gebäude in freundlicher Farbe, vergittert wie alle Häuser mit Besitz, um all das Wertvolle im Innern vor Übergriffen zu schützen (Computer, Mobiliar, Geräte) Garten und Gärtner sind ebenfalls Attribute der Besitzenden und der Garten ist nicht nur eine Möglichkeit, die Kinder mit Gemüse zu versorgen, sondern auch ein Symbol der Stärke und des Lebens. Es hat mich sehr beeindruckt, wie sorgfältig alles, was für die Kinder getan wurde, ausgewählt und überprüft wurde, mein Angebot mit den Kindern kunsttherapeutisch zu arbeiten selbstverständlich auch.
Die Ausdrucksmalarbeit
Ich war mir ganz sicher, dass die Ausdrucksmalarbeit den Kindern, kostbares und stärkendes mitbringen würde. Was ich nicht im Voraus einschätzen konnte war, wie viel therapeutische Wirkung durch meine Arbeit für die Kinder erreicht werden könnte. Da ich mich in einem komplett neuen Raum bewegte, schien es mir das Wichtigste zu sein, sehr vorsichtig und respektvoll an meine Arbeit zu gehen. Um mich aber auch im Vertrauten bewegen zu können, hatte ich alles Material mit dem ich in der Regel arbeite mitgenommen. 90 kg Cargogepäck hatte ich vorab geschickt. Alles Material, das bedeutete 22 unterschiedliche Farbtöne Gouachfarbe von Lascaux, eine Grundausstattung leidlich intakter rundgebundener Pinsel aus meinen Beständen und weiße Papierbogen, 50 mal 70cm groß und eine Menge Kleinigkeiten, sprich ein komplettes Reisemalatelier. Die Farbfirma Lascaux erklärte sich bereit, die Farben zu sponsern, was eine große Hilfe bedeutete. Alle anderen Kosten trug ich selbst. Lascaux Gouache Farben sind lebendige Farben, und sie sind wie alles Lebendige ein wenig schwer zu hüten bisweilen, voller Anregung und Überraschungen, besonders, wenn sie von äußerst lebendigen Kinder gebraucht werden. Die Farbe ist fließend, sie hat einen Wasseranteil, der hoch genug ist, um in Fluss zu bringen, aber auch genug Körper, um zu erden. Dazu sind die Farben ungeheuer leuchtstark, und verfügen über große anregende Kräfte. Sie sind kostbar, das ist zu spüren, wenn man damit arbeitet. Das Malen mit einer solchen Farbe ist absichtsloser, auch zufälliger, körperlicher als das Malen mit Stiften oder Kreiden. Im Körperhaften haben schwarze Kinder einen wesentlichen Teil ihrer Ressourcen Möglichkeiten, dort würde ich also anknüpfen. Mit dickflüssigen Farben zu arbeiten beinhaltet größere Freiheit, aber auch mehr Chaos. Als Gegenpol zum Chaos den ordnenden Rahmen zu halten verlangt von der begleitenden Person ein großes Engagement, Präsenz und Fingerspitzengefühl, zuviel Chaos ist ebenso steril wie zuviel Ordnung - die Freiheit aber lebt von beiden.
Malen mit Kindern, kunsttherapeutisches Arbeiten heißt im Besonderen sich im Spannungsfeld von Freiheit und Ordnung zu bewegen.
Eines der Geheimnisse der Anregung zum kreativen Ausdruck im Ausdrucksmalen liegt in der strengen Ordnung der Farbpalette und in der gleichzeitigen, strahlenden Farbenvielfalt. Zu jeder Farbe im regenbogenartigen Farbverlauf gehören 1 - 2 Pinsel. In einer Kindergruppe ist es meine Aufgabe, die Ordnung dieses Rahmens zu halten. Das bedeutet für Kinder, dass jemand da ist, von dem sie sich gehalten fühlen können. Da ich besonders bei kleinen Kindern meist ohne Vorgabe von Themen arbeite, braucht die Themenfreiheit ein starkes Ordnung gebendes Gegengewicht. Je verlässlicher z.B. die richtigen Pinsel verfügbar sind und klare Farben zur Verfügung stehen, um so mehr kann sich das Kind einfach nur dem Malen hingeben. Kleinere Kinder unter 3 ½ Jahren sind mit einer solchen Ordnung überfordert. Sie brauchen ein Setting, in dem sie die Freiheit haben mehr durcheinander zu mischen. Dort wo die Kinder so im Eifer malten, dass die Ordnung unterging, war ich ständig damit beschäftigt, den Rahmen zu halten, d.h. Pinsel auswaschen, Farbe vom Fußboden wischen, Kinder aus dem Wassereimer fischen, Kleider vorm Untergehen retten. Die Kindergarten Kinder verstanden etwas Englisch, sprachen es aber kaum. Je länger wir zusammen arbeiteten, um so mehr sprachen sie einfach Zulu mit mir, und ich sprach dann englisch mit ihnen, z. B. um zu benennen, was sie tun und was ich sehe.
Wir füllten den gemeinsamen Sprachraum zwischen uns, der emotionale Klang der Worte teilte sich uns mit. Dadurch, dass ich Ihnen wenig erklären konnte, musste ich ihnen mehr zeigen, sie z. B. berühren, um sie zu der zum Pinsel gehörenden Farbe zu führen, oder sie zogen mich zu ihrem Blatt, wenn sie etwas von mir brauchten. Oft unterhielten wir uns in dieser Weise körpersprachlich, was für die Kinder ein vertrauter Kanal war. Wenn sie in den Malraum kamen sprangen sie mir erst mal in den Arm, nicht weil sie so bedürftige, verlassene Kinder sind , sondern, weil sie das so kennen und mögen. Es dauerte eine Weile bis ich das begriffen hatte.
Die jüngeren Kinder von Khanysile malten von Anfang an geschlossene Kreise aufs Papier, Gesten von Vollständigkeit und Umfangensein, Zeichen lebendigen Wachsens. Und sie malten Kästen, Häuser, Zeichen von Struktur und Konstruktion. Anfangs waren die meisten von ihnen ganz aus dem Häuschen über die vielen wunderbaren Farben. Sie wollten immerzu malen. Es tupfte und pulsierte auf ihren Bildern, was diesen große Fülle und auf den ersten Blick Leichtigkeit gab. Es war ungeheuer erstaunlich für mich die Lebendigkeit der Kinder zu erleben. Oft wurde im Kindergartenraum auf der anderen Seite des Flurs gesungen und rhythmisch geklatscht, dann malten sie und hüpften und tanzten beim Malen. Ich hatte den Eindruck, dass die rhythmischen Äußerungen sie vitalisierten und stabilisierten und sich genial mit dem Malen ergänzten. Um sie im anregenden Charakter des Malens nicht zu überfordern, begrenzte ich das Malen zeitlich auf 30 Minuten pro Kleingruppe mit 3 - 4 Kindern.
Später, in der zweiten Hälfte meines 1. Aufenthaltes habe ich überwiegend einzeln mit den kleineren Kindern gearbeitet. So konnte ich mich ihnen mit ganzer Aufmerksamkeit zuwenden und mit großer Genauigkeit beobachten und Anteil nehmen.
Einige Kinder hatten nicht gleich Zugang zum Malen, scheuten sich die leuchtenden Farben zu nehmen, brauchten erst einmal viel schwarze Farbe oder standen wie erstarrt vor der Farbpalette. Mit ihnen habe ich mich einzeln an einen Tisch zum Zeichnen mit Kreiden gesetzt, oder habe ihnen gezeigt, wie man ganz vorsichtig mit einem Finger in die Farbe stippen kann und auf dem Papier auftippen. Oder sie durften eine Hand anmalen und auf dem Papier abdrücken. Nach und nach fanden sie einen vorsichtigen Zugang zum Malen, nicht alle in gleichem Maße.
Stellvertretend für viele Malverläufe im ersten 4 wöchigen Aufenthalt, die erstaunliche Entwicklungen in den Bildern zeigten, möchte ich nun zur Beschreibung der Bildergeschichte eines 4 ½ jährigen Mädchens kommen, die ich hier Sundla nenne. Zunächst wusste ich wenig von ihr. Mir fiel ihr zweites Bild auf, worin man eine liegende Figur erkennt, die von Zeichen umgeben ist, die wie Fragezeichen aussehen.
In meiner langjährigen Arbeit mit Kindern hatte ich nicht erlebt, dass kleine Kinder unter 6 Jahren liegende Menschen malen. Ich zeigte das Bild den Betreuern und fragte, was mit dem Kind wohl sei. Zuerst sagten sie, ah, she is so lazy, was in diesem Zusammenhang auch bedeuten kann: sie bewegt sich wenig. Ich erfuhr im weiteren, dass sie HIV infiziert ist, was sie selbst wohl nur ahnt. Ihre Mutter war vor gut 2 Jahren zu Haus gestorben, der Vater war schon lange fort und auch tot. Wenn Sundla als Kleinkind eine schwerkranke Mutter hatte, war sie sicherlich in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt und wurde möglicherweise nicht viel getragen. Sie lebt heute bei ihrer etwa 70 jährigen Großmutter. Ihr gleich alter Cousin hat ebenfalls seine beiden Eltern verloren, ist HIV infiziert und auch er lebt auch bei dieser Großmutter. Sie ist eine freundliche ältere Frau, das Gehen fällt ihr schwer.
In ihrer Sorge um die beiden Kinder ihrer Töchter ist sie unendlich bemüht. Der Junge, Mosa, spricht nicht, jedenfalls nicht mit Erwachsenen. Er hat ein unbewegliches Gesicht, nur einmal konnte ich ihn lächeln sehen. Mit ihm habe ich meist einzeln gemalt, um besser auf ihn eingehen zu können. In einem seiner gezeichneten Bilder, fand ich eine liegende Figur mit einer kleineren stehenden Figur im Vordergrund. Um die Gestalten herum gab es viele schriftartige Zeichen, so als hätte er seine Geschichte aufgeschrieben. Ich habe ihm gesagt, dass ich sehe, dass eine kleine Person dort steht und auf eine große schaut, die liegt, und dass ich denke, er habe etwas gemalt, über das er noch nicht sprechen kann.
Als ich Sundlas erstes Bild genauer anschaute, entdeckte ich auch darin zwei nebeneinander liegende Menschen. Sie wurden übermalt, was in der Symbolsprache von kleinen Kindern oft bedeutet, dass etwas für sie verschwunden ist. Die beiden liegenden Personen sind im gleichen blau gemalt wie die liegende Person im zweiten Bild. Kurze Zeit später fuhr ich für ein langes Wochenende in das schon oben erwähnte Thembaletu Zentrum am Rande des Krüger Parks. Eines der ersten Bilder, die dort entstanden, glich den Bildern Sundlas in Farbe und Form.
Die Ähnlichkeit der Bilder und Geschichten der beiden Mädchen waren für mich der Schlüssel zum Verstehen von Sundlas Malverlauf. Das jetzt 4 ½ jährige Mädchen aus Thembaletu, das dieses Bild malte, hatte genau wie Sundla mit 2 ½ Jahren seine Mutter verloren, ihre Schwester war damals 3 ½ Jahre alt. Es gab niemanden der diese beiden kleinen Kinder regelmäßig versorgte, wie so viele saßen sie monatelang ohne regelmäßiges Essen oder Hygiene neben ihrer immer elender werdenden Mutter. Mal schaute eine Nachbarin vorbei, mal eine Sozialarbeiterin, eine für sehr viele. Statt getragen und gewiegt zu werden auf dem Rücken ihrer Mutter, saßen sie und schauten. Sie wurden von einer Sozialarbeiterin neben der toten Mutter sitzend gefunden. Diese Bilder müssen sich sehr tief und ganz real eingeprägt haben. Jetzt, zwei Jahre später, malt nun eines der Mädchen dieses Bild, die Ähnlichkeit mit Sundlas Bildern lässt mir den Atem stocken. Sie sieht, dass ich sehe, wie sie, als das Bild schon fast vollständig ist, das Gesicht der liegenden Figur mit den blauen Augen blau übermalt. Das wirkt auf mich so, als würde sie ein Tuch über das Gesicht legen. Ich denke in diesem Augenblick, dass sie es genau so gesehen haben muss, als ihre Mutter gestorben war.
Das Blau der Figuren wirkt ernst und gehalten auf mich, es erscheint als sehr klare Farbe, wie aus der geistigen Welt, sehnsuchtsvoll, nicht körperhaft. Es ist schwer zu sagen, ob das Kind hier ein real erinnertes Abbild seiner Mutter malte, oder ob es sein eigenes Körpergefühl in der Identifikation mit der sterbenden Mutter abbildet, möglicherweise ist es beides. Außer der liegenden blauen Figur gibt es noch drei andere Personen, die nur als Köpfe gemalt sind. Ich habe den Eindruck, dass sie sich selbst als blauen Kopf gemalt hat, weil sie als die jüngere Tochter von damals zwei Jahren noch sehr mit der Mutter verbunden war, und sich daher in der gleichen Farbe malte wie die liegende Person. Ihre ältere Schwester könnte durch den braunen Kopf, als schwarzes Mädchen realistisch wahrgenommen, dargestellt sein.
Dass es sich nur um Köpfe handelt, könnte bedeuten, dass sie, wie Kinder ihres Alters das oft tun, verschiedene Entwicklungsstufen in der Darstellung wählte, um auszudrücken, dass es sich um Personen unterschiedlichen Alters handelt. Der Gehirnforscher Ernst Pöppel beschreibt in seinem Buch “Der Rahmen” wie es die wirksamste Methode ist, sich selbst als Betrachter in das erinnerte Bild hineinzunehmen, um sich zu distanzieren, um Vergangenheit als Vergangenes zu erleben. Ernst Pöppel schreibt: “Wenn ein Bild in den Speicher der Erinnerungen, in das episodische Gedächtnis, eingeprägt wird, muss es vorher anschaulich verfügbar gewesen sein; man muss etwas sehen, um es gesehen zu haben” (Pöppel, 2006, S. 149). Durfte ich Zeuge davon sein, wie dieses Mädchen über das Malen Verarbeitung des Erlebten erfuhr? Ich habe die Menschen, die jetzt für diese beiden Kinder sorgen, gebeten, ihnen weiterhin die Möglichkeit zum Malen zu geben. Meine Kiste mit Farbe, das Papier und die zusätzlich für diesen Ausflug gekauften Pinsel blieben dort. Bei meinem zweiten Aufenthalt im März 2007 konnte ich wieder mit diesem Mädchen arbeiten, darauf werde ich später eingehen.
Zurück in Johannesburg malte ich so oft es ging mit Sundla in der Hoffnung ihr eine Entwicklung zu ermöglichen, die die Menschen in ihren Bildern aufstehen ließ. Schon im nächsten Bild entstand links eine stehende, halb übermalte Menschenfigur mit großem Kopf. Die gelben Füße wirken leicht und schwebend. In der Mitte befindet sich eine liegende acht unter der rosa Übermalung. In der rechten Hälfte des Bildes zeigen sich einige liegende achten, die zum Teil übermalt wurden. Haben sich die vielen offenen Fragezeichen aus dem 2. Bild zu den geschlossenen achten gewandelt?
Sie wirken wie symbolhafte Menschenfiguren auf mich. Die liegenden achten im Blau der liegenden Personen sind vielleicht so etwas wie energiegebende Unendlichkeitszeichen. Sind sie ein Symbol für die verstorbenen Eltern und ist die stehende acht eventuell auch eine Person, z.B. sie selbst? Im nächsten Bild finden wir einen Wagen, er ist schwarz und hat innen ein weißes Kreuz, wie ein Leichenwagen, um den Wagen herum kleine geschlossene Kreise und ein blaues Fragezeichen. Kinder malen oft Kreuze als strukturbildende Zeichen, hier aber kommt es mir vor wie ein Kreuz, das mit dem vielfachen Tod, den diese Kinder erlebten, im Zusammenhang steht. Das nächste Bild wirkt wie ein Durchbruch auf mich. Es zeigt eine stehende Figur mit sehr großen Händen. Sie hat ein weiß gemaltes Gesicht, einen zartrosa Körper und zarte rosa Beine, gelbe Ohren und gelbe Augen, darüber breiten sich rote Haare. Ich fotografiere das Bild zwischendurch, weil ich dieses Stadium anschauen möchte, bevor es im Weitermalen undeutlicher wird, was dann auch geschieht. Erst viel später, als ich die Bilder immer wieder genau betrachtete, um herauszufinden, warum die Personen in Sundlas Bildern aufstehen, habe ich verstanden, wie genau und detailliert sie ihre Erlebnisse gemalt hat. In diesem Bild hat sie möglicherweise mich gemalt, eine Person mit weißem Gesicht und riesigen, tatkräftigen Händen in sehr lebendigen Farben. Hat Sundla, indem sie ihre inneren Bilder vom Liegen und Sterben der Eltern malte, räumlichen und vor allem zeitlichen Abstand zu den sie bedrängenden inneren Bildern erhalten? Die Zeit, die vom Malen der ersten Bilder vergangen ist bis zu diesem Zeitpunkt jetzt, erklärt die Bilder und damit auch die Ereignisse zu Vergangenheit. Auch wenn die inneren traumatischen Bilder bis jetzt Gegenwart geblieben waren, sind sie doch vielleicht dadurch in die Vergangenheit verwiesen. Ermöglichen hergestellte Bilder also nicht nur eine räumliche Distanzierung im Herausmalen auf den Ort des Papiers, sondern auch einen Zeitsprung? Ist Sundla darum jetzt frei, die Gegenwart ganz genau anzuschauen und mich als Person ihrer Gegenwart wahrzunehmen und darzustellen? Im nächsten Bild malt Sundla ein auf den ersten Blick etwas unerklärliche Gebilde. Sie nimmt dafür alle Farben von weiß bis blau, in der Reihenfolge, wie sie auf der Farbpalette geordnet sind. Als ich begreife, wie genau Sundla in der Abbildung ihrer Beobachtungen ist, verstehe ich, dass sie hier die Malpalette dargestellt hat. Dann erscheint wieder eine große Figur mit riesigen Händen.
Sie benutzt für dieses Bild nun alle Farben von blau bis schwarz. Die Gestalt ist in dem gleichen blau gemalt, wie die liegenden Figuren in ihren Anfangsbildern. Bevor sie den braunen Ohrring malt, schaut sie mich genau an. Ich trage an diesem Tag einen auffälligen, braunschillernden Ohrring. Ich erinnere mich, wie sie mich betrachtet und dann den braunen Ring an das hellgrüne Ohr malt. Von dieser Szene ausgehend habe ich mich auf die Spurensuche begeben. Wen hat Sundla hier wohl gemalt. Die stehende blaue Figur repräsentiert möglicherweise sie selbst, ausgestattet mit meinem Ohrring, und sie hat vielleicht Lust, sich in ihrem Bild mit meinem Ohrring zu schmücken, oder sie ist mit mir in Teilen identifiziert. In ihrem Bild vermischen sich vielleicht unsere beiden Personen, und sie braucht mich, die Beziehung zu mir, um sich in eine starke Person zu verwandeln. Bedeutet es, dass Sundlas innere Bilder über das Malen Vergangenheit geworden sind und dass sie jetzt ihre Gegenwart malt? Sundla ist ein Kind, das auf Grund der Krankheit ihrer Mutter wenig getragen wurde. Sie wird lange neben der kranken Mutter gesessen haben, hat sie angeschaut, anstatt ihren Körper zu spüren und gewiegt zu werden. So haben es mir ihre Betreuerinnen erzählt. Sie ist ein bemerkenswert kluges Mädchen mit der Fähigkeit zum Schauen und zum bildhaften Symbolisieren. Schwer zu sagen, ob sie die Fähigkeit in besonderem Maße entwickelt hat, weil sie in der Szene ihrer frühen Kindheit beobachten lernte, ob sie visuell begabt ist, oder ob die traumatischen Bilder sich überdeutlich im Gedächtnis gespeichert haben. Mir fiel auf, dass sie sich sehr genau merken konnte, welcher Pinsel zu welcher Farbe gehört, nachdem ich es ihr einmal zeigte. Sie machte das so präzise wie kein anderes Kind. Offensichtlich konnte sie sich bildhafte Eindrücke sehr gut merken, sicherlich auch die so sehr schmerzlichen Bilder ihrer Vergangenheit.
Im letzten vor meiner Abreise gemalten Bild steht eine kleine blaue Figur im Mittelpunkt.
Sie erinnert mich an die kleine liegende Figur im zweiten Bild, der Kreis hat sich geschlossen, so wie ich es ihr gewünscht hatte. Es ist die am aufrechtesten stehende von allen Menschen Gestalten, die Sundla gemalt hat. Sie hat Arme und Beine, die passend wirken, die Arme sind zum ersten Mal da. Sie hat aber keine überdimensionalen Hände diesmal. Die Konstruktion um die Figur herum könnte eine Behausung sein oder auch eine Malpalette mit Pinseln darauf. Sundla weiß sicherlich, dass dies das letzte Bild ist, das wir diesmal gemeinsam malen. Es ist davon die Rede, das ich wieder nach Haus, nach Europa fahren werde. Auch mich kann sie nicht festhalten, aber ich kann wieder kommen. In diesem Bild gebraucht sie alle Farben der Palette über und neben einander, einige vermischt, einige klar, so als wollte sie mir sagen, dass sie jetzt ganz vollständig ist und die Malfarben sie wie ein Rahmen umgeben. Vielleicht sagt das Bild auch, dass der Rahmen gehalten hat und dass sie dabei sichtbar geworden ist als ein kleines Mädchen, das auf ihren Füssen steht. Die Gestalt ist sehr klar zu sehen, vor weißem Hintergrund. Ganz geborgen steht die kleine Person in der Mitte des Bildes, schon ein wenig entfernt vom Betrachter. Sundla sprach überwiegend Zulu, ich habe viel mit ihr in Englisch gesprochen. Ich hatte trotzdem das Gefühl, dass wir uns hinreichen gut verstanden haben. So wie es in Carolin Eliacheffs Buch “Das Kind das eine Katze sein wollte” aus der psychoanalytischen Arbeit mit sehr kleinen Kindern beschrieben ist. Die unmittelbare Wirksamkeit von Kunsttherapie wurde für mich in der Arbeit mit Sundla noch einmal ganz neu erfahrbar. Dafür bin ich sehr dankbar. Sundla ist viel lebendiger in ihren Bewegungen und in ihren Äußerungen geworden in den letzten Wochen, wach und aufmerksam.
Mit Farben zu malen, sich bildhaft auszudrücken ist eine universelle Sprache überall auf der Welt, Kinder lieben das, überall.
Wie es weiterging
Im März 2007 folgte mein 2. Aufenthalt in Südafrika. Diesmal blieb ich eine Woche in Khanyisile, danach etwa 10 Tage im Philani Zentrum südlich von Soweto und eine Woche in Thembaletu am Krügernationalpark. Die Beziehungen, die sich mit den Kindern über das Malen entwickelt hatten, sind für mich sehr tief und verbindlich, ich wollte die Arbeit möglichst bald fortführen, in Khanysile und in Tembalethu. Das Mädchen Sundla im Khanyisile Zentrum erkannte mich wieder und kam voller Freude zum Malen. In Ihren Bildern malte sie eine Menge stehender Menschenfiguren, die sie ausnahmslos übermalte.
Auch mit dem Mädchen aus Thembalethu hatte ich Gelegenheit noch einmal zu malen und auch sie stellte in ihrem Bild eine einzelne stehende Figur dar, die sie anschließend übermalte. Gleich darauf legte sie sich in den Schoß von Sally, einer vertrauten Person die beim Malen zugeschaut hatte, und lies sich streicheln und trösten, sehr still. Mir schien, dass sie in ihrem Bild sich selbst darstellte, ganz ähnlich wie Sundla, und dann mit dem Vorgang des Übermalens ein Symbol für das Verschwinden der Mutter schuf, was gleichzeitig sie in ihrer Identität ungeheuer verunsichert und in tiefer Traurigkeit zurücklässt. Aber anders als beim Tod ihrer Mutter ist jetzt sofort jemand da, der sie warm umfasst und hält. Dorthin zieht sie sich zurück - die Trauer erhält spürbaren Raum. Bei diesem Aufenthalt traf ich die beiden Sozialarbeiterinnen, die das Mädchen und ihre ältere Schwester neben der toten Mutter gefunden hatten und konnte ihnen ein Foto von dem früheren, oben beschriebenen Bild zeigen. “Genauso haben wir sie und ihre Schwester damals gefunden, genauso saßen sie neben ihrer Mutter”, erzählten sie.
In meinem zweiten Aufenthalt wollte ich herausfinden, ob es möglich ist zunächst in bescheidenem Umfang Sozialarbeiter oder Lehrer kunsttherapeutisch weiterzubilden. Rituale und Symbole sind schwarzen Menschen eher noch mehr vertraut als uns, besonders, wenn es darum geht, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Südafrikanische Künstler nehmen sich inzwischen längst des HIV/Aids Themas an, um ihren Beitrag zu leisten, die Menschen wach zu rütteln und um ihnen stellvertretend Ausdruck zu geben. Das sind Bedingungen die hoffen lassen, die Kunsttherapie könnte dort ebenfalls einen wirksamen Beitrag zur Arbeit mit all den Schmerzen, aber auch mit den Fähigkeiten der Menschen und ihren spezifischen Ressourcen leisten. Wichtig wäre es, sehr genau und respektvoll mit dem afrikanischen Identitätsbegriff, den Vorstellungen von Individualität und den verwandtschaftlichen Beziehungen umzugehen, der so anders ist als unserer. Ich glaube, wir könnten umfassend voneinander lernen.
Für mich war die wichtigste Erfahrung dieser Aufenthalte, zu sehen wie sehr diese Kinder sich trotz all der Trauer in ihren Bildern voller Lebendigkeit und Vollständigkeit spiegelten. Von all der Liebe, die ich von den Menschen dort erfuhr, kehrte ich unendlich reich zurück. Es ist unglaublich, wie sehr Afrika diejenigen beschenkt, die sich auf den Weg machen.
Literaturnachweise:
Bachmann H. I. (1985). “Malen als Lebensspur”. Stuttgart: Verlag Klett-Cotta
Eliacheff C. (1994). “Das Kind, das eine Katze sein wollte”. München: Verlag
Antje Kunstmann GmbH
Gobodo-Madikizela P. (2006). “Das Erbe der Apartheid - Trauma, Erinnerung,
Versöhnung”. Opladen & Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich Publishers
Graf Ch. (2007). “Damit du mich nie vergisst, Afrikas Kinder und die Memory
Books”. München: Piper Verlag GmbH
Hagemann A. (2001). “Kleine Geschichte Südafrikas”. München: Verlag CH Beck
Hochauf R. (2007). “Frühes Trauma und Strukturdefizit”. Kröning: Ansanger
Verlag
Hüter G. (2004). “Die Macht der inneren Bilder”. Göttingen: Vandenhoeg und
Ruprecht Verlag
Pöppel E. (2006). “Der Rahmen”. München Wien: Carl Hanser Verlag