Kunst und Therapie
von Dietmar Becker
Seit einigen Jahrzehnten bedient man sich der in der Kunst liegenden Möglichkeiten und Kräfte zu therapeutischen, vor allem psychotherapeutischen Zwecken.
Der seither entwickelten Kunsttherapie liegt als Annahme zugrunde, dass gestaltendes Tun einem tiefen, allgemein menschlichen Bedürfnis entspricht, von dem allerdings die meisten Menschen abgeschnitten sind. In der Welt der erwachsenen Menschen wird nachgemacht, wird repariert oder fabriziert, aber freie Gestaltungs-prozesse kommen dort kaum noch vor. Kunst, die man heute zu sehen bekommt, bietet zwar die ausreichende Möglichkeit des Nachvollzugs solcher Vorgänge in der Rolle des Betrachters. Aber genau die kann in unserer Gesellschaft - aus ganz unterschiedlichen Gründen - nur von relativ wenigen eingenommen werden. Vielen bleibt sie fremd und unzugänglich, aus Voreingenommenheit, aufgrund einer verengten Selbsteinschätzung, aus Gründen der Erziehung, der sozialen Herkunft usw. Denen fehlt dann etwas, obwohl - oder gerade weil sie völlig normal sind und erscheinen.
In die kunsttherapeutischen Praxen kommen selbstverständlich nicht die „Normalen“, sondern Menschen mit seelischen Störungen und Leiden, die allerdings oft durch diese Normalität hervorgerufen oder mitverursacht worden sind. Individuen, die unter der Unfähigkeit leiden, sich den einschnürenden Lebensbedingungen anzupassen, die ihnen vorgeschrieben scheinen. Solche, die aus ihrer Kindheit Beschädigungen und Belastungen mitbringen, die ihnen nachhängen, von denen sie sich aus eigener Anstrengung und Kraft nicht befreien können. In allen Fällen, wo eine Psychotherapie angezeigt ist, wäre auch eine Kunsttherapie zu empfehlen.
An dieser Stelle spreche ich „pro domo“, als Dozent an einem (privaten) Institut für Psychoanalytische Kunsttherapie. In dem Faltblatt, das wir zur Information an Interessenten verteilen, ist ein Absatz enthalten, in dem wir diese Therapieform knapp darzustellen versucht haben. Dort steht unter der Überschrift „Was ist Psychoanalytische Kunsttherapie?“ folgende Erläuterung:
„In der kunsttherapeutischen Arbeit geht es sowohl um den Prozess des Gestaltens als auch um die Auseinandersetzung mit dem Gestalteten. Die Psychoanalytische Kunsttherapie konzentriert sich dabei auf die Arbeit mit bildnerischen Mitteln vor dem Hintergrund der Psychoanalyse. Sie führt methodisch an kreative Ausdrucksformen heran, die auf neue und überraschende Weise eine Verständigung mit sich selbst und anderen erlauben.
Bilder und Symbole bieten auch dann Möglichkeiten zur Kommunikation, wenn sich Sprache als schwieriges Medium erweist.
Das gemalte oder gestaltete Produkt ist – bewusst oder unbewusst – Ausdruck innerer Zustände und liefert wichtige Anhaltspunkte für den therapeutischen Prozess.
Die Psychoanalytische Kunsttherapie kann zur spontanen und expressiven Darstellung innerer Bilder, Befindlichkeiten und Konflikte anregen. Bilder zu malen und sich so ausdrücken zu können, ist schon allein ein entlastender und spannungslösender Vorgang.
Das Bild ist neben dem Patienten und Therapeuten als eigenständiges Drittes wichtig und wirksam. Die Wahrnehmung des eigenen Bildes wird zu einer besonderen Form der Selbstwahrnehmung. Das Gemalte wird zum Gegenüber, das Geschichten erzählen, Geheimnisse bewahren und Vergessenes wiederbeleben kann.
Bilder setzen neue Impulse für die persönliche Zukunft.
Die Nähe bildnerischer Arbeit zu unbewussten Strukturen eröffnet die Chance, sich Unsagbarem anzunähern und damit auch einen Weg in die verbale Auseinandersetzung zu erschließen.“
Die psychoanalytisch orientierte Kunsttherapie ist eine unter anderen Kunsttherapien. Es gibt zum Beispiel auch anthroposophische, ausgesprochen klinische, eher pädagogisch ausgerichtete Versionen. Diese Spielarten oder Richtungen unterscheiden sich zum Teil sehr durch ihren theoretischen Hintergrund, durch ihr Menschenbild, durch ihre Vorstellungen von Gesundheit, Krankheit und Heilung, nicht zuletzt auch durch ihre Einschätzung der Kunst und der Rolle, die sie ihr im therapeutischen Prozess zuweisen.
Unter etlichen, heute lebenden und wirkenden Künstlern steht die Kunsttherapie in einem ungünstigen Licht. Das hat manchmal mit Voreingenommenheiten und Unkenntnis zu tun, verweist aber gleichzeitig auf ein tatsächlich existierendes Problem:
Ein wesentliches, ja unverzichtbares Merkmal von künstlerischer Arbeit ist, dass sie frei von Nützlichkeitserwägungen erfolgt. Sie hält sich zweckfrei und gelangt infolge der damit gegebenen Spielräume, unter der Bedingung unbedingter Freisetzung zu ihrer eigensinnigen Erfüllung. Nur so löst sich im Kunstwerk vieles ein, was außerhalb der Sphäre der Kunst keine Chance, keine Geltung und keinerlei Möglichkeit hat, zustande zu kommen oder auch nur in Erscheinung zu treten.
In der Kunsttherapie, so meinen die Kritiker, wird Kunst in den Dienst genommen und in ungehöriger Weise vor einen fremden Karren gespannt. Was den fremden Karren betrifft, so ist dieser Vorwurf teilweise berechtigt. Aber es sollte nicht übersehen werden, dass – um im Bilde zu bleiben – dieser Karren kein Gepäck transportieren, sondern Menschen weiterbringen, ihnen zu einem volleren Leben verhelfen soll. Und diesen Anspruch hält Kunst seit jeher – und von sich aus – aufrecht, darin ist sie bereits Therapie.
Therapie und Kunst stimmen darin überein, dass sie Arbeit in der Gesellschaft und zugleich an ihr beinhalten. Das therapeutische Handeln bezieht sich zwar immer auf einzelne Personen, aber dabei ist die kritische Einbeziehung der Lebenssituation und der Verhältnisse, unter denen diese Einzelnen leben und durch die sie mitgeprägt und formiert worden sind, unvermeidlich, ja unumgänglich notwendig. Da müssen jedes Mal die allgemein herrschenden Normen, Regeln und materiellen Setzungen mitgesehen werden, unter deren Druck die persönliche Existenz ihre Gestalt angenommen hat. Auch das private Leben mit seinen Wünschen und Ängsten, Erwartungen und Sehnsüchten wird bis in die intimsten Details auch durch außerpersönliche, eben gesellschaftliche Bedingungen geprägt und beeinflusst. Kunst und Therapie sind sich darin einig, diese Prägungen und Überformungen nicht unbesehen zu übernehmen, noch die dahinter stehenden Mächte unkritisch gutzuheißen.
In der künstlerischen, in der therapeutischen und erst recht in der kunsttherapeutischen Arbeit geht es um Vieles, vielleicht sogar um Alles, aber immer wieder vor allem um menschliche Belange. Deren Einlösung macht ein Aufdecken und Entdecken, Sichtbarmachen, macht Gegenüberstellung und Verknüpfungen notwendig. In Kunst und Therapie spielen die Vorgänge Trennung und Einbeziehung, spielen Empfindungen und Erregungen, aufbauende und zerstörende Impulse, Einfühlung und Zurückweisung, Sympathie und Aggression, Vernichtung und Schöpfung eine tragende Rolle.
Oft ist als Einwand gegen Kunsttherapie zu hören: warum heißt das denn Kunsttherapie? Wenn da gekritzelt, mit Farben geschmiert und geknetet wird, dann hat das doch noch lange nichts mit Kunst zu tun. Warum heißt das nicht Gestaltungstherapie?
Dazu wäre zu sagen: in der Kunsttherapie finden wir einen erweiterten und entschränkten Begriff von Kunst. Ein Verständnis von Kunst, das nicht von therapeutischer, sondern von künstlerischer Seite entwickelt worden ist. „Ich möchte ganz einfach sagen“, erklärt Duchamp zu einer Zeit, als es das Wort Kunsttherapie noch gar nicht gab, „daß Kunst gut, schlecht oder indifferent sein kann, aber daß wir sie, gleich mit welchem Beiwort, Kunst nennen müssen: schlechte Kunst ist immer noch Kunst, wie ein schlechtes Gefühl doch ein Gefühl ist.“1
Kunsttherapie versteht sich von dieser Auffassung her, welche die Kunst aus ihrer Überhöhung und hochgehängten Absonderung, in die sie durch ein bürgerliches Weltbild und Bildungsverständnis geraten ist, auf die Füße gestellt und unter die Leute zurückgebracht hat.
In der Kunsttherapie gibt es die Überzeugung, dass Kunst, auch wenn man sie nicht selbst gemacht, nicht selbst hervorgebracht hat, im Sinne einer Erweiterung, Bereicherung und Ergänzung menschlichen Lebens doch auch therapeutische Wirkungen hat.
Die wesentlich interdisziplinäre, integrative und zusammenführende Leistung, die der Künstler erbringt, bleibt ja im Kunstwerk erhalten und nachvollziehbar. Der Betrachter nimmt sie erneut vor. Das ist meistens nicht einfach, erfordert Arbeit, verlangt Konzentration, Offenheit, Einfühlung, ein sich Einlassen und Mitgehen, lauter Leistungen, die der Leistung des Künstlers korrespondieren, ihr nicht nur entsprechen, sondern sie auch ergänzen. Auf die Notwendigkeit der Mitarbeit und Mitwirkung des Betrachters haben in der Moderne viele Künstler hingewiesen. So meint Marcel Duchamp: „Der Künstler vollzieht den schöpferischen Akt nicht allein, denn der Betrachter begründet den Kontakt des Werkes mit der Außenwelt, indem er seine tieferen Eigenschaften entziffert und deutet und dadurch seinen eigenen Beitrag zum schöpferischen Prozeß liefert.“2 Ähnlich wie viele andere Maler meint Baumeister, „der Betrachter müsse so weit mit dem Bild kommunizieren, in seine Formen und Farben eindringen, daß er empfinde, sie seien aus ihm gekommen, er hätte das Bild gemalt.“3
Es sei noch einmal daran erinnert, dass eine Zeichnung, ein Gemälde aus dem Zusammenwirken von Auge, Hand und Vorstellungskraft entsteht. Auch der Betrachter findet nicht nur über das Auge Zugang zum Bild. Auch er muss im Verstehensprozess den durch die Hand wirkenden Leibessinn heranziehen und die eigene Vorstellungskraft beteiligen. Nicht nur in der Produktion von Kunst, sondern auch in der Rezeption sind diese unterschiedlichen Sinne gefragt. Wenn ihre Zusammenführung im Betrachter gelingt, das heißt im Zusammenspiel von Leibessinn, kognitivem Gesichtssinn und Phantasie kann eine Aneignung erfolgen, mit der sich das von Baumeister beschriebene Gefühl einstellt, das Bild sei aus einem selbst gekommen. Es ist gewissermaßen die Hand des Malers, die das Auge des Betrachters über das Bild führt. Und das Auge lässt sich führen, weil der Handsinn, von der Phantasie unterstützt, sich mitführen lässt, während die Phantasie wieselflink zwischen den fremden und den eigenen Einbildungen und Vorstellungen hin und her fährt, einspringt, vermittelt, erweitert, ergänzt.
In der Konfrontation und im Kontakt mit Kunst, mit Zeichnungen und Gemälden, findet etwas statt, was sich in Analogie befindet zu dem, was sich im Künstler abgespielt hat bei der Verfertigung und Entstehung dieser Artefakte. Es gibt eine Wechselbeziehung, eine Art Spiegelbildlichkeit zwischen dem Tun und Geschehen, in welchem der Künstler steht, und dem Nachvollzug, in den sich der Betrachter begibt. Mit einem Unterschied: der Betrachter steht vor dem Bild still, bewegt sich kaum oder gar nicht. Augen und Phantasie sind zwar in Bewegung, wie beim Maler auch, aber nicht die Hand. Sie ist beim Maler auf dem Sprung oder ebenfalls in Bewegung. Aber beim Betrachter ruht sie. Sie ist bei ihm wie vergessen, wie erledigt oder abgetan, während der Leibessinn, den die Hand ausdrückt, ganz in die Wahrnehmung des Bildes eingerückt ist und darin fühlbar tätig wird.
Therapie kann keine festgeschriebenen Ziele haben. Auch darin stimmt sie mit Kunst überein. Für jeden Menschen, der sich in Therapie begibt, müssen Weg und Zielvorstellung Schritt für Schritt entwickelt werden. Das eigene Malen und Zeichnen ist eine Herausforderung dazu, gleichzeitig eine Anleitung, brach liegendes Gelände und unbekanntes Terrain im eigenen Haus zu betreten. Der Therapeut ist bei diesen Unternehmungen kein Führer, sondern einfach Begleiter, dessen Anwesenheit Angst nimmt und Mut macht.
Dies Vortasten im meist ungewohnten malerischen Material und in den eigenen, oft noch ungewohnteren, ja befremdenden inneren Bildern löst immer wieder Überraschungen aus. Da gibt es Freude über ein unvermutetes Gelingen, aber auch Schrecken über unangenehme Enthüllungen und Entblößungen, die sich unerwartet auf dem Papier, auf der Leinwand zeigen. Auch hier genügt der Therapeut als „Bezugsperson“. Ihm lassen sich die gemachten Erfahrungen mitteilen. Oft, dem äußeren Anschein nach, einfach ein guter Zuhörer, der eben Papier, Malzeug, manchmal auch ein Thema anbietet. Insgeheim geübt in der Bereitschaft und Fähigkeit, ganz unauffällig ganz da zu sein, zurückgenommen und anwesend zugleich, in einem Zustand offener Achtsamkeit, „gleichschwebender Aufmerksamkeit“, wie Freud es einmal genannt hat.
In der Kunsttherapie begibt sich der Proband in den Nahbereich von Empfindungen und Regungen, die im fiktiven Raum des Bildes Gestalt und Gegenwart annehmen. „Kunst setzt etwas in Bewegung, nicht unbedingt diese oder jene Wirklichkeit, sondern das Bild, die Imago, die wir von dieser Wirklichkeit haben.“4 Dies gilt für das Sehen von Kunst. Beim eigenen Malen aber werden die inneren Erregungen und Bewegungen zugleich nach außen gebracht und im Bild in gewisser Weise zur Ruhe, zum Innehalten veranlasst.
Auch in der Übung dieses Doppelschritts liegt ein therapeutisches, ein weiterbringendes, ein nicht unbedingt heilendes, aber den Menschen doch bereicherndes Moment.
Noch zu einem letzten Punkt: es gibt einen Ort oder Orte, besondere Erfahrungen, in denen Therapie und Kunst sich begegnen, auf die sie immer wieder zulaufen. Sie haben mit Veränderung und Entlastung zu tun hat, mit Bestürzung und Erhebung, Umschwung und Staunen: ein Nebel lichtet sich, eine Wand, gegen die man oft schon angerannt ist, auf einmal öffnet sie sich; ein Vorhang geht auf, eine Fläche wird weit und geht über in Raum. Selbstverständliches löst sich in Irritationen und offene Fragen auf. Die von solchen Erfahrungen Betroffenen finden sich neu wieder. Kunst und Therapie können diese Bewegungen und Entwicklungen unterstützen, weil sie eben nicht eingestellt, auf bestimmte Zwecke oder Antworten verpflichtet sind. Sie halten sich und das Gewesene und Gewordene, aus dem sie kommen, immer neu frei, sie halten die Zukunft für das Werdende offen.
Anmerkungen:
1) Claus, Jürgen, Theorien zeitgenössischer Maler in Selbstzeugnissen, Hamburg: rororo, 1963, 16. Marcel Duchamp, 1887 – 1968, „einer der vielseitigsten Künstler der modernen Kunst und führte in seinen Werken einen radikalen Bruch mit der traditionellen Kunst herbei“ (Universal-Lexikon der Kunst, 2001)
2) Claus, Jürgen, Theorien zeitgenössischer Maler in Selbstzeugnissen, Hamburg: rororo, 1963, 17
3) Claus, Jürgen, Theorien zeitgenössischer Maler in Selbstzeugnissen, Hamburg: rororo, 1963, 23. Willi Baumeister, 1889 – 1955, „einer der führenden Vertreter der abstrakten Kunst“ (Universal-Lexikon der Kunst, 2001)
4) Platschek, Hans, Bilder als Fragezeichen, München: Piper, 1962, 184. Hans Platschek gehört zu wichtigsten abstrakten und dann wieder figurativ arbeitenden Malern nach dem 2. Weltkrieg.
* Dieser Aufsatz liegt veröffentlicht vor in der Zeitschrift „Das Gespräch aus der Ferne“, Hg. Dr. Günter Geschke und Ulrike Rietz, Drittes Quartal 2003, Heft Nr. 366, 57. Jg. ISSN 0942-2889, S. 17f.