Neugier und Bewusstheit
- der Prozess der Identitätsbildung
Ein Exkurs über die Neugier
von Hannah Over
Zusammenfassung: Neugierig sein, gierig nach Neuem sein, ist in herkömmlicher Sichtweise eine zweipolige Angelegenheit. Ausgehend von der Frage, welche Voraussetzungen und Bedingungen gegeben sein müssen, damit die Neugier dem Menschen zum Lebendigsein und zu geistig-seelischem Wachstum verhilft, untersucht die Autorin das Phänomen der Neugier aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln: Sie zeigt zum einen auf, welcher Stellenwert der Neugier aufgrund neuerer Ergebnisse der Säuglings- und Kleinkindforschung im Hinblick auf die Entwicklung eines stabilen Selbst zugesprochen werden muss, und sie stellt dar, wie in der selbstpsychologischen Theorie der Psychoanalyse von Joseph Lichtenberg und Wolfgang Milch diesem Stellenwert Rechnung getragen wird. Zum anderen untersucht die Autorin die Bedeutung der Neugier im kulturgeschichtlichen Kontext, insbesondere in der Gegenüberstellung von mittelalterlicher Kunst und der Kunst der Renaissance. In einer Zusammenführung beider Blickwinkel wird abschließend der Platz der Neugier im Prozess der Identitätsbildung ermittelt sowie ihre Bedeutung in der Kunsttherapie herausgestellt.
Schlüsselwörter: Zweipolige Neugier – Selbstpsychologie – emotionale Verfügbarkeit – Bedürfnis nach Exploration – Säuglingsforschung – Identitätsbildung – Renaissance – Mittelalter
Einladung ins Reich der „Curiositas“
Was wissen wir über die Neugier, was halten wir davon und welche Erfahrungen haben wir bis heute mit dem Neugierig-Sein machen können? Als Kind erlebten wir, dass es sehr von der Bereitschaft unserer Umgebung abhing, uns im Neugierig-Sein zu unterstützen oder zu tadeln und wie viel Neugierde auf welchem Gebiet uns jeweils anempfohlen, von uns gefordert oder verboten wurde. Wann die Neugier opportun, unschicklich oder gefährlich war, haben wir als Kinder mit dem Entstehen des Schamgefühls auf Grund eines sich konsolidierenden Überichs bald herausgefunden. Je nach Stimmungslage und persönlichem Mut haben wir das Fragen eingestellt, besonders mit dem Älterwerden. Dabei enthält die Welt der frühen Kindheit eine Menge Anlässe, um sehr neugierig zu sein. Da gab es zum Beispiel vor Weihnachten verpackte Geschenke im Kleiderschrank der Eltern oder Frauen mit merkwürdig dicken Bäuchen in der Straßenbahn, komische Sachen in Mamas Spiegelkommode, Maikäfer, die mit ihren Hinterteilen zusammenhängen, Getuschel bei Verwandtenbesuchen, Fragen nach dem Funktionieren von Wassermühlen oder danach, wo die Ameisen unter dem Straßenpflaster wohnen – und vieles mehr. „Sei nicht so neugierig“, „frag doch ruhig“, „das geht dich nichts an“, „danach fragt man nicht“ – das ist der Dschungel elterlicher Antworten, durch den wir uns mit unserer kindlichen Neugier für gewöhnlich durchschlagen mussten.
Was, so könnte man fragen, hat nun das Phänomen der Neugier mit der Kunsttherapie zu tun, was hat Neugierig-Sein mit seelischer Krankheit oder Gesundheit zu tun? Es fällt nicht schwer, zu dieser Frage eine Menge Ideen zusammenzutragen und Bezüge aufzuzeigen. Sprechen wir nicht oft genug von „gesunder Neugier“, andererseits aber auch von „krankhafter Neugier“? Aus der Arbeit mit depressiven Patienten wissen wir, dass die Neugier und die Lust auf das Leben verloren gehen können. Und wer kennt nicht verhaltensauffällige Kinder, deren Störung mit einem Mangel an Mut zu explorativem Verhalten einhergeht. Wichtige Erfahrungen über sich selbst und die Welt gehen ihnen so verloren. Nicht nur in diesen Fällen scheint die Neugier ein wichtiger Faktor/eine wichtige Rolle für die Selbstbehauptung, das Selbsterleben und die Identitätsbildung zu spielen.
Manchmal wird Neugier sogar als ansteckend bezeichnet. Krankhafte Neugier entsteht eventuell dann, wenn die Neugier sich mit Macht, mit Grenzüberschreitung oder Eifersucht paart. Lässt uns dieser zwischen Wissbegierde und Scham, zwischen Lebenslust und Unerhörtheit schillernde Begriff nicht stets etwas unsicher zurück? Was können wir von einem Zustand erwarten, der von seiner wörtlichen Bedeutung her, zur Hälfte aus „Gierbesteht? Gibt es Risiken und Nebenwirkungen und wenn ja, welche? Oder liegt hier eventuell ein größeres Stück Gesundheit und Salutogenese verborgen, als wir gemeinhin annehmen?
Neugier ist zwar etwas sehr Alltägliches, aber sie ist eben auch, und das nicht nur im Gewand des neugierigen Wissensdrangs, eines der bevorzugten Themen der abendländischen Philosophie und Kunstästhetik. Die äußerst differenzierten Diskussionen um die konvergierenden, philosophischen Ansichten über die „Curiositas, wie die Neugier in Mittelalter und Renaissance genannt wurde, kann ich in diesem Rahmen nur streifen.2
Aufzeigen möchte ich zum einen, wie der Begriff der Neugier – in Weiterentwicklung der Freudschen triebtheoretischen Ansichten durch die Säuglings- und Kleinkindforschung – in der selbstpsychologischen Theorie der Psychoanalyse von Joseph Lichtenberg und Wolfgang Milch seinen Ausdruck gefunden hat. Zum anderen möchte ich ausführen, wie in der Kunst der Renaissance – gegenüber der des Mittelalters – die Neugier in einer besonderen Art zu Schauen, im neugierigen Blick zu finden ist. Und schließlich soll die Neugier in ihrer Bedeutung für den Prozess der Identitätsbildung dargestellt werden.
Die zwei Pole der Neugierde
Neugierig sein, gierig nach Neuem sein, ist in herkömmlicher Sichtweise eine zweipolige Angelegenheit. Sie bewegt sich zwischen einem indiskreten Gieren nach Fremdem einerseits und einem intensiven Forscherdrang andererseits – von der Begehrlichkeit der Augen und des Leibes bis hin zur Erkenntnis suchenden Wissenschaft und zum Verlangen nach Vernunft begründeter Aufklärung.
Es kommt aber noch etwas hinzu: Neugierig sein kann Gefährdung bedeuten. Sich neugierig hinauszulehnen, ohne ein gutes Gefühl für Balance, kann Absturz bedeuten. Die Zeiten, in denen es in unserem Land gefährlich war, und Tod und Vernichtung nach sich ziehen konnte, neugierig zu sein, liegen nicht weit zurück. Zeiten, in denen alle Wände Ohren hatten und die Täter ihre Opfer mit bösartiger Neugier aufspürten, haben diese Eigenschaft in Verruf gebracht. Damals schien es besser, wenn Kinder gar nicht erst lernten neugierig zu sein. Kriegstraumatisierte Väter und Mütter waren in ihrer Fähigkeit neugierig zu sein verstört. Später durften im Westen des Landes während der folgenden Jahrzehnte keine Fragen gestellt werden, im Osten blieb es gefährlich neugierig zu sein.
Jugendliche Reifung hält nicht immer mit der Neugier auf die Umstände des Erwachsenwerdens Schritt. So geraten Eltern in Sorge wenn es darum geht, 13 – 15 Jährigen angemessenen Umgang damit zu vermitteln. Da wäre dann die Langeweile, das bei Eltern und Lehrern gar nicht so beliebte „Abhängen“, als das Gegenteil der Neugierde doch eigentlich als etwas Beruhigendes und Positives zu verstehen.
Was ist der Mensch im Spannungsfeld der Neugier? Ein Getriebener, ein am Wissenstrieb verbrennender, ein sich in sexueller Neugierde verlierender oder ein vorsichtig oder ängstlich nach Ruhe und Sicherheit suchender. Ist der Mensch einer, der ruhelos zwischen diesen Polen pendelt oder gelingt es ihm, im Laufe seines Lebens, Sicherheit in bewegter Neugierde zu finden – wach und gegenwärtig? Welche Voraussetzungen und Bedingungen müssen gegeben sein, damit die Neugier dem Menschen zum Lebendigsein verhilft?
Von einfühlsamen Betreuungspersonen und neugierigen Säuglingen
Die New Yorker Philosophin und Psychoanalytikerin Donna Orange schreibt in ihrem 2004 in deutsch erschienenen Buch „Emotionales Verständnis und Intersubjektivität3“ über ein neueres Verständnis der Vorgänge und Beziehungen in Psychoanalysen. Im Kapitel „Emotionale Verfügbarkeit“ fand ich eine Verbindung von Säuglingsbeobachtung und psychoanalytischer Therapie, die sich auch mit dem Entstehen von Neugier befasst. „Emotionale Verfügbarkeit“ wird die aktive und responsive Bereitschaft für emphatisches Verstehen benannt und wird verglichen mit dem, was die Bindungsforscher Emde und Sorce an Bezugspersonen von Säuglingen und Kleinkindern beobachtet haben. Eine mit dieser Fähigkeit ausgestattete Bezugsperson würde dem Kind ihr Gespür für seine emotionalen Zustände mitteilen und emphatisch antworten. Dabei würde diese Bezugsperson dem Kind ihre eigenen emotionalen Zustände als Information anbieten, wenn dieses sie unsicher anschaut. Die Bindungsforscher stellten fest, dass solchermaßen betreute Kinder neugieriger waren, mehr Vergnügen am Spiel hatten und sich weniger anklammerten, als Altersgenossen mit depressiven, zurückgezogenen und wenig einfühlsamen Betreuungspersonen.
Ich war überrascht, dass durch eine empathische Responsivität gerade die Neugier angeregt wird. Eher hätte ich mir vorgestellt, dass solche Kinder vielleicht besonders freundlich oder ruhig und zufrieden sind oder einfach nur glücklich. An diesem Punkt wurde ich selbst neugierig und beschloss, mich mit der Entstehung und Förderung neugierigen Verhaltens eingehender zu beschäftigen.
Frühe Voraussetzungen des Neugierig-Werdens: Es ist das die Sinne reizende und Fremde, vor allem aber das Bildhafte, das Neugier erregt. Im Besonderen ist es das bewegte und lebendige Bild. Vielleicht können wir uns vorstellen, dass ein Neugeborenes eingebettet ist in den vom Fruchtwasser im Uterus vertrauten Geschmack der Mutter, den es im Geschmack der Muttermilch und im Geruch der Mutter wiederfindet, und begleitet wird von ihrer bereits im Mutterleib vernommenen Stimme: In dieser Weise beruhigt, kann das Kind das dazugehörige Gesicht erforschen. Angeregt und gehalten vom lebendigen Blick der Mutter kann das Neugeborene erste Neugier entwickeln und dabei erfahren: „Ich bin nicht allein in dieser Welt.“
Neugier und Erregung: Neugier ist aber zugleich ein Erregungszustand, wenn auch ein positiv erlebter, im Gegensatz zur Angst, als deren Gegenspieler man die Neugier verstehen könnte. Bei aller positiv erlebter, anregenden Erforschung braucht gerade der sehr kleine Säugling einen guten Rückzugs- und Beruhigungsraum, der nur ihm allein gehört. Diesen sicheren Raum auch im wachen Zustand herzustellen und wieder zu verlassen, vermögen in der Regel schon sehr kleine Säuglinge: Wenn man sie lässt, und nicht bedrängt oder beunruhigt, suchen sie neugierig von sich aus Kontakt und lassen sich anregen.
Lichtenbergs fünf Motivationssysteme und die Neugier
Die Arbeitsgruppe um den Selbstpsychologen und Psychoanalytiker Joseph Lichtenberg hat frühere triebtheoretische Sichtweisen der Psychoanalyse durch die Theorie der fünf motivationalen Systeme abgelöst. Jedes dieser Motivationssysteme beruht für Lichtenberg4 auf einem erkennbaren, natürlichen Bedürfnis und damit verbundenen Antwortmustern, die in der Kindheit erlernt werden müssen. Die Systeme, von denen jedes – je nach Bedürfnislage – vorübergehend5 dominieren kann, entwickeln sich aus den folgenden Bedürfnissen:
1. aus dem Bedürfnis nach Regulierung physiologischer Erfordernisse (Nahrung, Wärme, Schlaf usw.),
2. aus dem Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit,
3. aus dem Bedürfnis nach Exploration und Selbstbehauptung/ Geltendmachen von Vorlieben,
4. aus dem Bedürfnis nach aversiven Erfahrungen durch Verweigern und/oder Rückzug,
5. aus dem Bedürfnis nach sinnlichem Vergnügen und sexueller Erregung.
Besonders in dem System, das sich aus dem Bedürfnis nach Exploration und Selbstbehauptung bzw. dem Geltendmachen von Vorlieben entwickelt, finden wir die Neugier wieder, denn ohne Neugier gäbe es kein exploratives Verhalten. Säuglinge, die lebendige Neugier an ihrer Umgebung zeigen und Zusammenhänge erproben, sind dabei ganz besonders von solchen Erfahrungen angetan, bei denen sie sich als Urheber ihrer eigenen Handlungen wahrnehmen. Bei einer solchen lustvollen Effektanzerfahrung konnte ich kürzlich meinen einjährigen Enkel Alvar beobachten, nämlich wie er gebannt – und ich nehme an, voller Neugier und Faszination – auf seine sich langsam öffnende Hand schaute, die immer wieder das gleiche Spielzeug herunterfallen ließ, so als würde er ein hervorragendes Werkzeug betrachten. Der Psychoanalytiker Wolfgang Milch beschreibt in seinem „Lehrbuch der Selbstpsychologie“ wie Exploration und die daraus resultierende Erfahrung eigener Wirksamkeit die Regulierung des Selbstwertgefühles ermöglicht, und wie damit die Freude an geistigen und körperlichen Aktivitäten und die Fähigkeit, eigene Ziele zu verfolgen, verbunden ist. Störungen in der Entwicklung dieses Motivationssystems in der Kindheit bringen den Entwicklungsprozess eines Menschen aus der Balance, was sich in Autonomiekonflikten äußern kann, wie auch in Depressivität oder Suizidalität.
Das hier beschriebene Motivationssystem hat mit Sicherheit eine große Bedeutung für die Kunsttherapie, die über anregende, Neugier provozierende Kräfte verfügt. Bei einer Störung in diesem System müssen wir als Therapeuten darauf achten, dass nicht nur für Anregung gesorgt ist, sondern dass der Patient als Gegenpol dazu auch ausreichende Beruhigung erfahren kann.
Neugier im geschichtlichen Kontext – Oder:
Was tut die Kunst für die Neugier?
Von Adam und Evas Erkundungstrieb bis zur Verteufelung menschlichen Wissensstrebens im Mittelalter: Wenn wir uns dem Schillern der Neugier zuwenden, kommen wir nicht umhin, einen Blick in die Geschichte zu werfen und dabei besonders auf die philosophisch-theologischen Zusammenhänge und kunstästhetischen Entwicklungen zu schauen. Solcherart von Ferne einnehmend und im großen Zusammenhang schauend, können wir erkennen, wie der menschliche Erkundungstrieb sozusagen seit Adam und Eva ein zwiespältiges Phänomen ist. Die Geschichte des alttestamentarischen Sündenfalls ist eine Parabel für die Neugier und Bewusstheit des Menschen, die uns von unserer Natur entfremdet und für die daraus sich ergebenden Konsequenzen.
Die frühen griechischen philosophischen Schulen unterscheiden sich vom Standpunkt der Neugierde aus betrachtet in zwei Richtungen unterschiedlicher Ausprägung: Da ist zum einen die der aristotelischen Metaphysik zugehörigen Schule zu nennen, die einen offenen, nicht der Nutzbarkeit unterworfenen Wissensanspruch des Menschen vertrat. Zum anderen handelt es sich um die Schule der stoischen und besonders der epikureischen Perspektive, die sich auf das für den Menschen relevante Wissenswerte beschränkte, um ihn dadurch in eine nicht überreizende Ordnung der bekannten Welt zu stellen.
In nachantiker Zeit deutet vor allem Augustinus die „Curiositas“ als begehrliches Interesse an der Welt und als eine sinnenhafte Selbstentäußerung des Menschen.7
Augustinus lebte um die Wende des 5. Jahrhunderts und seine Lehren, die auch seinem eigenen nicht endenden Kampf gegen die Begehrlichkeiten der Welt entsprangen, übten über Jahrhunderte hinweg eine immens einengende Wirkung auf die Wissenschaften und die Künste aus. Dabei hatte Augustinus zunächst eine auch aus heutiger Sicht bedenkenswerte Einstellung gegenüber dem menschlichen Forschungsdrang eingenommen. Die damals zunehmende Fähigkeit der Menschen über den erhabensten Weltgegenstand, den Sternenhimmel, genaue Voraussagen zu geben, führte dazu, dass vielerorts die Zukunft aus der Ordnung der Gestirne und aus den Planetenbewegungen geweissagt wurde. Für Augustinus geriet der Mensch dadurch in Gefahr, der Selbstbewunderung und autonomen Erkenntnissicherheit, der „impia superbia“, anheimzufallen. Er warnt vor Aberglauben und menschlicher Überheblichkeit. In seinem Traktat Confessiones V 3,4 (Blumenberg H) schreibt er: „Der erkennende Mensch ist nicht selbst das Licht, dem er die Erkenntnis seiner Gegenstände verdankt, sondern er steht seinerseits im Licht, um dessen volle Wahrheitsmöglichkeit er sich bringt, sobald er sich selbst die Herkunft dieses Lichtes zuschreibt.“8 – Nicht also der Gegenstand der philosophischen Betrachtungen macht für ihn die Gefahr aus, sondern die aus der Bewältigung des Gegenstandes gefolgerte Mächtigkeit des menschlichen Intellekts, deren Natürlichkeit sich der Mensch selber zuschreibt. Diese differenzierte Sicht hat weder Augustinus beibehalten, noch konnte sie in den nachfolgenden Jahrhunderten tradiert werden.
Im Grunde genommen ging es um eine Warnung vor menschlicher Überheblichkeit. In der Folge wurde dem Menschen die Natürlichkeit seines Wissensdranges abgesprochen und die Neugierde in die Ketten der Kirche gelegt. Das Mittelalter war gekennzeichnet von einer Verteufelung jeglichen freien menschlichen Wissensstrebens und wurde gerade dadurch zu einem Ort dunkelsten Aberglaubens. Die Folge war eine Abkehr von einer frei forschenden Neugier. Stattdessen setzte eine allgemeine Bewegung nach Innen, zu einer Gott zugewandten Innerlichkeit, ein. Historiker würden jetzt außerdem auf eine Reihe von Faktoren hinweisen, die zusätzliche Gründe liefern, dass im Mittelalter kein sicherer Boden für ein forschend neugieriges Verhalten gegeben war: das sind die Pest und andere große Seuchen, zahllose Kriege, völkerbewegende Wanderungen sowie die Auswirkungen der Kreuzzüge.
Mittelalterliche Ästhetik: Die Kunst des Mittelalters war den gleichen Einschnürungen wie Philosophie und Theologie ausgesetzt. Das ist zum einen an der überwiegend religiösen Thematik künstlerischen Schaffens zu erkennen, zum anderen an der „gehaltenen“, d.h. nicht expressiven Bildästhetik. Nicht zuletzt sind die Einschnürungen am im Bild gehaltenen Blick der dargestellten Personen auffindbar. Überwiegend bleibt der Blick der abgebildeten Menschen im Bild, und auch dort oft für sich, wie nach Innen gewandt, als Ausdruck einer Innerlichkeit und Gott zugewandten Frömmigkeit. Die leuchtenden Farben und prachtvollen Gewänder erregen aber auf jeden Fall Neugier und Aufmerksamkeit.
Abb. 1 Aus dem Stundenbuch des Duc de Berry
Bilder wurden damals gemalt, weil sie Ausdruck von Frömmigkeit waren, und weil sie gebraucht wurden zur Vermittlung religiöser Inhalte für eine überwiegend des Lesens unkundige Bevölkerung. Ziel der Malerei war, dass die Bilder eine wirkästhetische Kraft entfalteten, die die Neugier der damaligen Menschen auf religiöse Inhalte zu richten vermochte. Immer wieder z.B. im Umfeld der Zisterzienser wurde die Warnung geäußert, die Kunst würde eine weltliche Begehrlichkeit der Augen hervorrufen. So heißt es in dem Kapitel „Idol Curiosity“ von Jeffrey F. Hamburger in Curiositas S. 51, Hrsg. Klaus Krüger ebd.: „…gold threads do not cover nakedness or keep out the cold; they feed the curiosity of the eyes, and that allone,…“Trotzdem schaffte es die Kunst, die Neugier des Betrachters anzusprechen und ihn, sozusagen durch die Hintertür des sinnlichen Erlebens beim Betrachten der leuchtenden Farben mittelalterlicher Bildwerke und vermochte es, den Betrachter nach den Verbindungen des Sichtbaren und des Unsichtbaren fragen und forschen zu lassen.9
Abb. 2 Cupido und Venus
Abb. 3 Gabrielle Estree und eine ihrer Schwestern
Leben in der Renaissance: In der Renaissance änderte sich etwas Grundlegendes: Ein Zeitalter uneingeschränkter Neugier brach an, das sich explosionsartig ausweitete und die mittelalterliche Strenge und Härte zurückdrängte. Diesen Aufbruch in der Renaissance beschreibt der Historiker Lucien Febvre äußerst lebendig in seinem Buch „Leben in der französischen Renaissance“10 .Die unumschränkte Macht der Kirche scheint gebrochen, Kirche und Staat rücken auseinander. Die Menschen reisen viel, sind wissensdurstig und lernbegierig. In Italien und Südfrankreich werden die Kunstschätze der Antike aus dem Boden freigelegt und dienen der neuen Architektur und plastischen Kunst als Anregung und Vorbild. Es ist das Bürgertum als neuer Stand, der das Wissen voranbringt, der es mit Hilfe der Buchdrucker Kunst verbreitet und sich an den Quellen der Antike labt, ohne den eigenen, zum Teil bäuerlichen, Boden zu verlieren. Das 16. Jahrhundert bringt eine Zeit des Friedens und der Konsolidierung, was für die Menschen ausreichend Sicherheit bedeutete, sich ausgedehnten Studien zu widmen. Die Kunst, die bis dahin überwiegend im Dienst der Religion stand, geht nun eigene Wege, geht unerhörte Wagnisse ein. Die Perspektive weitet sich sowohl im Bildraum, wie in der Wahl der Motive. Der Blick der porträtierten Menschen geht aus dem Bild heraus, forschend, neugierig oder schaut überaus herausfordernd den Betrachter an. Auch hierfür einige Beispiele, die verdeutlichen, welch revolutionärer Wandel sich vollzog. Bildnisse, die den Betrachter derart anschauen, sind Ausdruck dafür, dass das Individuum sich seiner Identität selbst bewusst wird. Es ist die Zeit, in der die Künstlerpersönlichkeit geboren wird, wo der Maler mit Talent weit mehr ist, als der Handwerker des Mittelalters. Der Künstler ist nun einer, der fähig ist, das Leben wiederzugeben, einer, der zu den Großen der Welt gehört. Die Kunst als Spiegel dieser blühenden Zeit hat sich ähnlich wie die Geisteswissenschaften, die Philosophie und die noch junge Naturforschung aus den Einschnürungen des Mittelalters befreit.
Abb. 4 Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube
Abb. 5 Cesare Ripas Holzschnitt
Solchermaßen entfesselte Neugier blieb nicht ohne Reaktion. Zum Beispiel zeigt Cesare Ripas Holzschnitt aus dem Jahr 1618 eine karikaturhafte Warnung vor der „Curiositas“, die der Anfang allen Lasters sei. Hier wird die Neugier als Wissenslust mit uneingeschränktem begehrlichen Interesse an den Äußerlichkeiten der Welt dargestellt: Das Gewand ist besetzt mit gierigen Froschaugen und mit Ohren, die nach allem horchen. Erregt gestikulierende Hände und zu Berge stehende Haare sind Ausdruck für ein im Übermaß erregtes Denken. Cesare Ripa entwirft hier ein Bild der Neugierde, die schon Augustinus als Negativbegriff geprägt hatte. Die Entwicklung des menschlichen Wissensstrebens ist aber nicht aufzuhalten, und Naturforscher wie Galileo, Keppler und Kopernikus lassen neue Zeitalter anbrechen, setzen alte Ordnungen außer Kraft.
Abb. 6 Dürers „Melancholia“
Die Menschen des 17. Jahrhunderts müssen unglaublich viel Neues assimilieren und mit extremen Widersprüchen leben. In der Nachrenaissance müssen sie eine Art Verletzung des „humanistischen Ego“ hinnehmen, hervorgerufen durch die Entdeckung, dass die Erde sich nicht im Mittelpunkt des Universums befindet, erneut langdauernde Kriege ausbrechen und die Pest zurückkehrt, während gleichzeitig die humanistische Utopie einer friedlichen, harmonischen Welt untergeht. Die Melancholie ist die andere Seite des forschenden Menschen, nämlich der Seite, in der er Einsicht in die eigene Kleinheit angesichts einer größeren Ordnung erhält und erkennt, wie Voltaire sagt, dass die Neugierde das Merkmal eines endlichen Wesens mit unendlichen Ansprüchen sei. Im Gegensatz zur Depression behält die Melancholia etwas Lebens- und Liebenswertes.
Lebendige Neugier = ein Symptom des Glücks
Ohne Neugier geht es nicht: Sowohl der selbstpsychologische Ansatz als auch der geschichtlich Fernblick legen die Schlussfolgerung nahe: Ohne Neugier geht es nicht! Wir brauchen sie, wenn wir unsere Identität im lebendigen Austausch mit der Welt entwickeln wollen. Ohne Neugier gäbe es kein exploratives Verhalten – und ohne exploratives Verhalten keine Erfahrungen der eigenen Effektanz bzw. der eigenen Wirksamkeit. Effektanzerfahrungen aber sind hoch bedeutsam für die Regulierung des Selbstwertgefühls; sie vermitteln die Freude an geistigen und körperlichen Aktivitäten und stärken die Fähigkeit, eigene Ziele zu verfolgen. Neugieriges Verhalten führt zu neuen Erkenntnissen und vermittelt die Erfahrung, dass wir nicht allein sind in dieser Welt. Und es ist die Neugier, die uns die Angst vor dem Unbekannten überwinden hilft. In diesem Sinn hat die Neugier etwas mit seelischer Krankheit oder Gesundheit zu tun. Wer nicht neugierig sein kann oder darf, dem geht die Lust auf das Leben verloren. Ein in seiner Neugier gehemmter Mensch droht krank zu werden oder aus der Balance zu geraten.
Doch Neugier hat einen Preis und erfordert den umsichtigen Umgang mit ihr: Adam und Eva mussten ihn zahlen; und nicht nur Dürer hat mit seiner „Melancholia“ darauf reagiert.
Der Gegenpol bleibt wichtig: Rückzug und Ruhe, denn Neugier konfrontiert den Menschen mit neuen Erfahrungen, die „verdaut“ werden müssen und als Erweiterung des Wissens und der Erfahrung in schon Bekanntes integriert sein wollen, um dem Individuum nützlich zu sein. Wie sich ein solcher Prozeß vollzieht ist sehr schön an einem Kapitel des Buches Curiositas „Ordnung der Fremde“ Brasilien und die theoretische Neugierde im 16. Jahrhundert11 abzulesen. „Man versuchte, das Neue in Übereinstimmung zu bringen mit dem Bekannten, es nicht als gänzlich unerwartetes, sondern eher als ungesehenes auszuweisen“. Zitat S. 67 ebnd. Und weiter heißt es: „Sie (die Reisenden des 16. Jahrh.)entwerfen Brasilien als gleichermaßen existierende und utopische Welt, … Eine Welt, in der beides möglich scheint: sich dem Fremden auszuliefern und es zu kontrollieren.“ Zitat S. 108/ 109 ebd.
Responsivität und Neugier im therapeutischen Kontext: Damit sich Neugier zeigen und entwickeln kann, müssen günstige Bedingungen gegeben sein. Donna Orange (ebd.) beschreibt, wie sich die an Betreuungspersonen von Säuglingen beobachtete Fähigkeit zur emotionalen Verfügbarkeit in die therapeutische Situation übertragen lässt: Neben dem verbal Geäußerten geht es im intersubjektiven Feld zwischen Therapeut und Patient zunächst darum, die für den Patienten stimmige Distanz einzunehmen. Dabei können wir unser Gewahrsein der emotionalen Zustände des Patienten durch die Wahl des Tonfalls und der passenden Worte ausdrücken. Daraus könnte im übertragenen Sinn ein Rhythmus, eine Art Tanz, eine Art Summen entstehen, das Beruhigung signalisiert. Alles was dazu angetan ist, dem Patienten, dem anderen Menschen zu zeigen, dass er sich jetzt und hier in sicherer, beruhigter Umgebung befindet und nicht allein ist, dass jemand bemüht ist zu verstehen, kann ermutigen, Neugierde zu entwickeln. Das so entstehende therapeutische Ambiente mit der eingestimmten, unaufdringlichen Anwesenheit und Verfügbarkeit des Therapeuten bezeichnet Winnicott als „haltende Umwelt“. Donna Orange zufolge geht es im weiteren nun darum, den Patienten unsere Phantasien darüber, wie sich das, was sie erlebt haben, unserer Meinung nach anfühlt, zur Verfügung stellen und sie außerdem zu fragen, wie es sich für sie anfühlt, wenn sie unsere Phantasien zur Verfügung gestellt bekommen. Dieser komplexe Vorgang des Austausches ermutigt die Patienten, ihre eigene Geschichte sowie auch die gegenwärtige Therapeut-Patienten Beziehung neugierig zu erforschen.
Und wie sieht es mit der Neugier in der Kunsttherapie aus? Sie verfügt ja gerade weil es vor allem das Bildhafte ist, das die Neugier erregt, reichlich über Neugier provozierende und das Selbstwertgefühl des Patienten regulierende und stärkende Kräfte, sei es durch die anregenden Materialien, die zu explorativem Verhalten anregen, sei es, dass die Malenden über eine Bewegungsspur dem Bildhaften in eine ungewohnte Richtung folgen und sich dabei gleichzeitig wirksam fühlen oder dass Material aus dem Unbewussten frei gesetzt wird, das überraschende Bildinhalte und neue Lösungen anbietet. Wenn die Erkenntnisse und die daraus folgenden therapeutischen Beziehungsangebote von Donna Orange in der Kunsttherapie Raum bekommen, so könnte das bedeuten, dass das Bild in erweiterter Weise in die Kontaktaufnahme einbezogen wird, und zwar. indem es Gegenstand der Betrachtung wird, sich darüber auszutauschen, was das Mitteilen der Phantasien des Therapeuten über das Bild an Gefühlen im Malenden auslöst.
Abb. 7 Mädchenbildnis Malatelier
Das freche Pflänzchen Neugier: Die Neugier ist zwar kein Allheilmittel, dazu ist sie zu widersprüchlich und krisenanfällig, wohl aber ist sie ein Mittel gegen die Aussichtslosigkeit mancher Lebenskrisen, ein freches Pflänzchen, unausrottbar wie ein Unkraut. Etwas von der Keckheit des Neugierigseins finde ich in der hier abgebildeten Zeichnung eines 13jährigen Mädchens wieder. Wohl ist der Körper ganz hinter einer Mauer verborgen, sicher aus gutem Grund, vielleicht aber auch nur, weil es den Körper einer Heranwachsenden erst einmal gut zu schützen und auch zu verbergen gilt, bis die Seele und der Geist mitgewachsen sind und den Blick der anderen auf den Körper der erwachsen werdenden Frau erlauben. Der neugierige Blick des Mädchens, der wach und selbstbewußt in die Welt und auf den Betrachter gerichtet ist, ermöglicht inneres Wachstum vor dem Hintergrund vieler Informationen über die Welt des Erwachenseins. Neugier und Bewusstheit, schauen und erforschen, erfahren und erleben gehen Hand in Hand, die eine Bewegung ist ohne die andere nicht denkbar. Eine Bewegung ins Unbekannte aber braucht einen verlässlichen Hintergrund, wie es eine ermunternde Unterstützung im therapeutischen Rahmen bedeuten kann.
Der Abbe Galliani, Blumenberg H ebnd. S.475, schreibt 1771 an Madame de Epinay, dass zwar das Gefühl des Glücks nicht aus der Befriedigung der Neugierde resultiert, dass diese aber umgekehrt das sicherste Symptom des Glücks sei.
Vielleicht können unsere Patienten gerade in der Kunsttherapie von uns und wir mit ihnen vor allem eines lernen: neugierig zu sein.
1 Überarbeitetes Vortragsmanuskript des gleichnamigen Vortrags, gehalten am 20. 2. 2005 auf der Jahrestagung des DFKGT in Hannover.
2 Vgl. Krüger K (Hrsg.) (2002). Curiositas. Göttingen: Max-Plank-Institut für Geschichte.
3 Orange D M (2004). Emotionales Verständnis und Intersubjektivität. Frankfurt a.M.: Brandes und Apsel Verlag.
4 Vgl. Lichtenberg JD, Lachmann FM, Fosshage JL (2000). Zehn Prinzipien psychoanalytischer Behandlungstechnik. Stuttgart: J.G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger GmbH.
5
6 vgl. Milch W (2003). Lehrbuch der Selbstpsychologie. Stuttgart: Kohlhammer Verlag.
7 Vgl. Blumenberg H (1996). Die Legitimität der Neuzeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag
8 Blumenberg ebd . S. 359
9 Krüger K Hrsg. (2002). Curiositas. Göttingen: Max-Plnk-Institut für Geschichte
10 Febvre L (2000). Leben in der französischen Renaissance. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach.
11 Christian Kiening „Ordnung der Fremde“ in: Krüger K Hrsg. (2002) Curiositas. Göttingen: Max-Plank-Institut
Abbildungen
1. Monatsdarstellung des April aus dem Stundenbuch des Duc de Berry, Gebrüder Limburg um 1413
2. Cupido und Venus, Lucas Cranach d. Ä.,1530
3. Gabrielle Estree und eine ihrer Schwestern, Schule von Fontainbleau, 1595
4. Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube, Peter Paul Rubens, 1609/10 München
5. Curiosita, Holzschnitt von Cesare Ripa, Iconologia, Rom 1618
6. Melancholia 1, Albrecht Dürer, 1514Florenz
7. Mädchenbildnis über eine Mauer schauend, Kohlezeichnung einer 13jährigen aus dem Malatelier
Literatur
- Blumenberg H (1996). Die Legitimität der Neuzeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag
- Febvre L (2000). Leben in der französischen Renaissance. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach
- Krüger K Hrsg. (2002). Curiositas. Göttingen: Max-Plank-Institut für Geschichte
- Lichtenberg J D Lachmann F M Fosshage J L (2000). Zehn Prinzipien Psychoanalytischer
Behandlungstechnik. Stuttgart: J. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger Gmbh
- Milch W (2003). Lehrbuch der Selbstpsychologie. Stuttgart: Kohlhammer Verlag
- Orange D M (2004). Emotionales Verständnis und Intersubjektivität. Frankfurt am Main: Brandes
und Apsel Verlag
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